Vor kurzem habe ich eine Bekannte in der Kurzzeitpflege besucht. Sie lag dort zusammen mit ihren drei Hirntumoren in einem schmucklosen Zimmer. Die Kurzzeitpflege ist, viel zu oft, in unserer Gesellschaft und unserem Gesundheitssystem kein gelungenes Beispiel für all das, was wirklich gut funktioniert in eben dieser Gesellschaft und in eben diesem System. Sie passiert an einem der traurigsten, deprimierendsten und frustrierendsten Orte, die ich je betreten habe. Karg in der Einrichtung und im Personalschlüssel. Pro Station und Schicht zwei Pflegekräfte, die nicht wissen, wo sie zuerst anfangen sollen. Die Flure voll entzückender, alter Damen, die noch ziemlich gut wissen, wie der Hund ihrer Kindheit hieß, sich aber nicht mehr erinnern, wo sie just ihr Portemonnaie hingelegt haben, deshalb die Schwester des Diebstals bezichtigen und mit leicht verrutschter Perücke an Gehwägen über die tristen Flure schlurfen. Die sich, egal, ob nun erinnerungsschwach oder nicht, in hohem Alter ein Zimmer mit einer ihnen Unbekannten teilen müssen, egal, wie sehr die schnarcht oder flatuliert oder weint oder erzählt. Die ewig warten müssen, bis ihnen jemand beim Gang auf die Toilette hilft und deshalb in eine Windel gesteckt werden, obwohl sie weiß Gott keinen entsprechenden Fetisch haben. Unwürdig und beschämend. Der allerletzte Ort, an dem ich sterben möchte. Meine Bekannte aber musste das. Zusammen mit ihren drei Tumoren ist sie dort vergangene Woche angeblich friedlich eingeschlafen. Warum sie das nicht in einem Hospiz tun durfte, in dem das Leben bis zum letzten Atemzug gefeiert wird, habe ich mich gefragt. Die Antwort ist so traurig, wie die Kurzeitpflege selbst. Sie wollte ihren Sohn schonen und der Sohn seine Mutter. Keiner von beiden hatte den Mut, das auszusprechen, was offensichtlich war: Ich, mein liebes Kind, muss bald sterben. Du, meine liebe Mutter, musst bald sterben. Wie wollen wir diesen Teil des Lebens gestalten? Sie haben lieber das Ende eines ganzen, langen, vollen Lebens in minderer Qualität in Kauf genommen, als über das zu sprechen, was nun mal ist, wie es ist. Sie haben viele Chancen verpasst. Angst ist, solange uns kein Säbelzahntiger auf den Fersen ist, ein mieser Ratgeber. Und Tiger dieser Art sind bereits seit Millionen Jahren ausgestorben. Das ist zwar schade, aber der Letzte von ihnen musste sich ganz sicher nicht mit vollgekleckertem Oberteil in trostloser Umgebung auf seinen finalen Weg machen.