Ich bin verliebt. Und wenn ich mal ein Stück weit nachspüre, so, wie wir Psychologen das gerne tun, dann bin ich über dieses erste Stadium bereits seit langem hinaus und mein wahrhaftig empfundenes Gefühl ist ein ganz klares: Ich liebe. Ich liebe innig, aufrichtig und in zutiefst empfundener Loyalität. Greift jemand das Objekt meiner Sehnsüchte an, verteidige ich es bis aufs Blut. Denn ich bin eine treue Seele. Habe ich mein Herz einmal vergeben, dann gilt das für immer. Wir sind in einem steten Dialog, der sich, um der Wahrheit genüge zu tun, eher als Monolog darstellt. Er liest mir vor, wann immer ich das möchte. Und ich darf wählen, was: Band 1 oder Band 3. Ich höre ihm  zu, auch wenn er sich inzwischen vielfach wiederholt und hänge an seinen imaginären Lippen. Begegnet sind wir uns erst dreimal. Es lagen jeweils 15 bzw. 3 Meter zwischen uns. Und ich bin mir sicher, dass, wüsste er um meine Existenz, er würde mich genauso wieder lieben. Aber er steht auf seiner Bühne und kann mich nicht sehen. Allein die grellen Scheinwerfer, die seine Großartigkeit und seinen Ruhm nur noch heller strahlen lassen, hindern ihn daran. Gelesen hat er wieder nur für mich. Als er danach im Foyer sein Buch signiert, setze ich mich ganz in seine Nähe, beobachte ihn und sinniere über diesen einen Satz, der, würde er mir nur einfallen und ich mich bloß trauen, ihn zu sagen, so originell, noch nie dagewesen und brillant wäre, dass er diesen wunderbaren Mann aufblicken und denken ließe: „Da ist sie endlich, meine verwandte Seele!“. Mich aus meinen Träumen zerrend höre ich wie er bereits das 83. Mal „Vielen Dank, schön, dass Sie heut Abend hier waren.“ zu seinem jeweiligen Gegenüber sagt. Wie schlicht. Wie aufrichtig. Wie wahrhaftig. Ich liebe ihn!