Genau heute vor einer Woche habe ich noch von meiner festen Überzeugung gesprochen, dass ganz am Ende die Liebe siegt. Das mag so sein, aber das, was ich derzeit in  meiner Stadt erlebe, spricht sehr dafür, dass der Mensch dann nicht mehr Teil unserer Welt sein kann. Hamburg und sein dieser drei Tage extremes Geschehen als Mikrokosmos für den Rest der Welt bzw. dem, was der Mensch mit ihr macht. So ist er, der Mensch. Die Rollen sind vielfältig. Und in seinen Rollen ist der Mensch komplex und nichts ist einfach zu beantworten. Ein Blick zurück zeigt, dass das noch nie anders war und offensichtlich nichts mit unserer Zeit zu tun hat. Hamburg ist wahrhaftig im Ausnahmezustand, so, wie ich in meiner Generation und alle Nachfolgenden es noch nie erlebt haben. U.a. ist das abgrundtief Böse zu Gast, symbolisiert durch mindestens drei wirklich böse Menschen, die ja gar nicht böse, sondern einfach nur persönlichkeitsgestört und leider, leider mit sehr, sehr viel Macht ausgestattet sind. Was ist mit den anderen, die gewaltvoll was auch immer demonstrieren? Sind das die, die vor 78 Jahren fröhlich pfeifend in den Osten einmarschiert wären, weil sie einfach Bock auf Gewalt haben? Ich habe keine Ahnung, denn es gibt eben keine einfachen Antworten. Ich telefoniere mit einer weinenden Freundin, die in St. Pauli und somit im Zentrum des gewaltvollen Protestes und der Reaktionen darauf wohnt, und die all das, was sich da direkt vor ihr abspielt, überhaupt nicht fassen kann. Die mürbe ist nach momentan zwei Tagen Wasserwerferkonvois, Martinshorngeheule, brennenden Autos, geworfenen Steinen und Flaschen, martialisch anmutender Polizeikluft. Zusammen besinnen wir uns auf die Menschen z.B. in Syrien und schämen uns. Ich selbst setze mich am gestrigen Abend mutig auf mein Rad, die Situation im schönen Winterhude und Umgebung zu erkunden. Feige wage ich mich keinen Meter aus meiner alsternahen Komfortzone hinaus und stelle mir vorm Atlantik Hotel stehend vor, wie unsere Kanzlerin sich nach D Punkt Narziss Abfahrt vor den Spiegel stellt und ihn zwecks Aggressionsabbaus nachäfft: „Oooohhhhh, ich bin ja so important! Wääääääällllllll, ich hab den Allergrößten!“. The Beast fährt in the Beast an mir vorbei, oder auch nicht, wahrscheinlich hatte er sich längst in dem Wagen von der Großwäscherei versteckt und ist noch schön in die Herbertstraße gefahren. Arme Melania, die aussieht wie eine weibliche Bewohnerin von Stepford. Frustrierte Ehefrauen, friedlicher, kreativer, inspirierender Protest für und zerstörerischer gegen, ehrlich Bemühte in der Exekutive und solche, die Ihre Macht missbrauchen und einzig ihren Wohlstand mehren wollen. Die, die jetzt schon wissen, wie man alles besser macht, aber bereits an der Logistik eines Essens für mehr als Zwei scheitern. Und solche wie mich, die all das beobachten und sich ängstlich davor drücken, sich an die Seite der Friedlichen zu stellen und auf offener Straße Stellung zu beziehen für Frieden, Gerechtigkeit und ein stabiles Klima. Und der Himmel voller Hubschrauber. In meiner Stadt passiert gerade jetzt so viel Unterschiedliches auf so vielen unterschiedlichen Ebenen, gelebt durch Menschen, alles Individuen, keines schwarzweiß, jedes mit seinen ganz eigenen, komplexen, vielschichtigen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Am Ende gewinnt die Liebe. Aber nur, wenn wir mindestens 7,5 Milliarden weniger wären.