28.05.17

Mein Leben lang habe ich davon geträumt, am Wasser wohnen zu können. Durch Umstände, von denen ich keine Nanosekunde geträumt habe, ist mir das vor einem guten Jahr geglückt. Ich wohne jetzt direkt an einem der Hamburger Alsterkanäle. Der Blick aus meinem Wohnzimmer ist ein weiter, das gegenüberliegende Gebäude ca. 300 Meter weit entfernt. Es liegt am anderen Ufer. Zu meinen Füßen ruhen diverse Rudervereine und Bootsverleiher. Ich beobachte das bunte Wassertreiben und platze vor Lokalstolz bei jedem Alsterdampfer und Achter, der an mir vorüberzieht. Leider funktioniert das nur vom späten November bis zum frühen April. Während der restlichen etwa acht  Monate zerstören egozentrisch ausschlagende Bäume meinen Lebenstraum. Selbstgefällig und ohne Rücksicht auf meine Bedürfnisse knospen sie zunächst scheinbar harmlos vor sich hin, um dann höchst eitel ihr dämliches Blattwerk zu einer undurchschaubaren Wand zu verdichten. Hamburgs gesteigerte Lebensqualität durch sein üppiges Grün ist für mich kein Argument und ich treibe in meinen verbitterten Tagträumen Kupfernägel in die Stämme der Feinde meines Glücks. Andererseits ermöglichen mir die ebenfalls prächtigen Baumkronen an der Flanke des Hauses den Verzicht auf Gardinen zwecks Abschirmung nachbarschaftlicher Blicke in mein Bade- und Arbeitszimmer.  Ohne einen Faden am Leib kann ich mich z.B. unbeobachtet bei offenem Fenster föhnen. Was soll ich nur machen? Ständig ist mein Glas halbvoll! Leider nur im Sommer. Im Winter muss ich erneut umdenken.

 

 

30.05.17

Viele Menschen beschreiben ihre Depression als ein Monster, das vor der Tür liegt und nur darauf lauert, wieder zuschlagen zu können. Sie müssen die andauernde Bedrohung unter ständiger Beobachtung und in Schach halten. Sie sagen, sie hätten Depressionen oder seien depressiv. Ich habe das anders empfunden. Ich war nicht depressiv, und ich hatte eine Depression. Und die war, das wusste ich sofort nach ihrem erstmal unerbetenen Einzug, die beste Freundin, die sich jemand wünschen kann. Eine sehr strenge, genaue, nicht bestechliche, unerbittliche Freundin. Eine, die vermittelt. In diesem Fall zwischen mir und meiner Lebendigkeit. Sie sagte, sie hätte mich lange gewarnt, mir viele Vorzeichen geschickt, Ängste, Zwänge, unlustvolle Gefühle in allen Variationen. Es täte ihr leid, sehr, aber wer nicht hören wolle, müsse fühlen. Und darum käme es jetzt ganz dicke. Keine wirkliche, nachhaltige Veränderung ohne Katastrophe. Keine Befreiung ohne Schlag. Verunsichert habe ich sie hereingebeten, ihr einen Platz und Erfrischungen angeboten, sie zum Erzählen eingeladen. Und ihr aufmerksam zugehört.

 

 

02.06.17

Aus Gründen der Eitelkeit musste ich aufgrund ihrer längeren Abwesenheit durch Urlaub temporär Ersatz für meine vertraute Friseurin finden. Einer Empfehlung folgend begab ich mich auf den Weg nach Eimsbüttel, um mich den Hände einer mir Fremden, aber immerhin doch Namensvetterin, anzuvertrauen. Maren begrüßte also Maren und ließ sich in tiefer Sehnsucht nach einer entspannenden Kopfwäsche ins Haarwaschbecken gleiten. Die Entspannung wollte sich nicht so recht einstellen, denn Maren, die Fremde, wählte nicht nur eine unterkühlte Temperatur im H2O Bereich, sondern fing auch sofort herrisch an zu plaudern. Anders als meine halbjährliche Verabredung zur Zahnreinigung, die die hier geltenden Regeln der Kommunikation beherrscht und W-Fragen meidet, verlangte das Plaudern der Kaltwäsche dominant nach Antworten, die zu geben ich aufgrund des Rauschens in meinen Ohren nur durch maximale Konzentration halbwegs in der Lage war. In der nun folgenden Bedarfsermittlung was den Schnitt anbelangte, wurden die zunächst noch offenen zu felsenfest geschlossenen Fragen. Ob mein Haar immer schon so fusselig gewesen sei? ich nicht viel besser sehr viel kürzeres Haar trüge?? und wer denn DAS geschnitten hätte??? Ich beschloss, abhängig wegen der Eitelkeit, zu ertragen. Langmütig habe ich mir alles zu ihrer MS-Erkrankung und den Gründen ihrer Entstehung angehört, zu viel Zucker, zu viel Gluten, zu viel Umwelt, um anschließend mit wirklich einwandfreiem Schnitt, aber gebrochenem Selbstbewusstsein die Rückkehr meiner Vertrauten herbeizusehnen.