20.05.17

Auf einer Hunderunde im Alstertal traf ich auf ein Schild, das mich vor dem Gang auf einem unbefestigten Weg warnte. Es gab zwei Möglichkeiten: Sicherheit oder das pure Abenteuer. Da wir in Deutschland leben, wo selbst die ungesicherten Wege in Wirklichkeit nichts Aufregendes zu bieten haben, konnte ich mich entspannt für die Gefahr entscheiden und voll einen auf Pionier machen. Die Hündin war begeistert, das Schuhwerk fest und so ging es trotz nicht vorhandenen Proviants los. Was soll ich sagen? Es war durchaus machbar, es galt nur einen quer liegenden Baumstamm zu überklettern und einen lächerlichen Wasserlauf zu queren. Ob ich enttäuscht war? Nein, es war ein wirklich schöner Spaziergang mit herrlichem Blick von oben, perfekten Badestellen für das Tier und der dauernden Möglichkeit einer echten Herausforderung. Manchmal darf es leicht sein, oder? So auch hier: Keine Erkenntnis oder gar Botschaft, kein „…sie entstehen ja erst beim Gehn.“. Ach, jetzt fällt mir doch etwas ein, denn ich wurde Zeugin der brutalen Natur und ihrer Bewohner. Ein übler Rabenvogel hat ein goldiges Eichhörnchen gejagt und gehetzt. Und auch, wenn Eichhörnchen laut Carrie Bradshaw lediglich Ratten mit niedlichen Schwänzen sind, habe ich auf das putzige Tier gewettet. Kurzum, das Eichhörnchen konnte entkommen. Und das, obwohl ich nicht, meinem Impuls folgend, eingegriffen, sondern das grausame Geschehen lediglich beobachtet habe!

 

21.05.17

Vor kurzem habe ich meine Mutter beim Bettenkauf begleitet. Inzwischen 80 jährig, im vergangenen Jahr 5 Mal an der Wirbelsäule operiert und in einer Einraumwohnung lebend, benötigt sie ein Bett mit Schubladen, in denen sie tagsüber Kissen und Decke verstauen kann. Meine Mutter scheint wundersamer Weise zu einem magischen Umhang gekommen zu sein, der sie offensichtlich unsichtbar macht. Der Verkäufer jedenfalls hat sie keines Blickes oder gar Augenkontaktes gewürdigt und seine mangelnde Kundenorientierung ausschließlich in meine Richtung verbalisiert. Non- und hörbar. Großschrittig ist er von einem bedarfsungerechten Modell zum nächsten gerannt, wenig interessiert an ihren OP- und altersgegebenen  Möglichkeiten, was das Schritttempo anbelangt. Leider konnte er trotz mehrfacher Wiederholung nicht recht verstehen, dass ein Modell mit Bettkasten, der mit Kraft, über die meine Mutter nicht mehr verfügt, geöffnet werden muss, uns einen Scheißdreck interessiert. „Das schafft sie!“ lies er vorweg rennend verlauten und hat sie ihr diesbezügliches Unvermögen tatsächlich demonstrieren lassen. Eine Frechheit! Meine Mutter,  ihre Kindheit im kriegsführenden Terrordeutschland verbringend, hat wie so oft geschluckt, was sie schmerzt.  Und auch ich habe ob unserer nicht einfachen Vorgeschichte und meiner stillen Wut über ihr Unvermögen, sich zu wehren, die Klappe gehalten. Stattdessen habe ich ihn still verflucht: Soll er alt werden! Sehr, sehr alt!

 

22.05.17

Neulich habe ich mal kurz meine Patientenverfügung klar gemacht. Ganz locker habe ich mich dem Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz und seiner Info-Broschüre nebst Textbausteinen anvertraut, und mal eben so entschieden, was ich mir für eine Behandlung wünsche, wenn es ans Sterben geht und ich nichts mehr sagen kann. Quasi im Vorbeigehen steht jetzt fest, dass ich weder eine künstliche Ernährung, noch Fremdblutgabe, noch Beatmung wünsche und auf bewusstseinstrübende Medikamente verzichte. Ich habe zwei Personen benannt, die ab jetzt dafür zu sorgen haben, dass meine Wünsche ggf. respektiert und umgesetzt werden.  Hut ab, ich bin ja echt ganz schön eigenverantwortlich. Still bete ich vor mich hin, dass ich meine Meinung nicht ändere, sollte ich tatsächlich im Koma liegen und doch noch alles mitbekommen und doch noch leben wollen aber leider nicht mal mehr willentlich Zwinkern können.  Einmal Zwinkern hieße „Bitte hängt mich doch an die Dialyse“, zweimal „Ja, ich will die Organtransplantation ganz dringend!“. Aber vielleicht bin ich ja bis ganz zum Schluss bei glasklarem, messerscharfem Verstand und kann einen gewichtigen letzten Satz hauchend einfach mal loslassen.

 

23.05.17

Ostern 2008 ist es aus nur scheinbar heiterem Himmel über mich hereingebrochen. Eine Panikattacke am Karfreitag  auf einem Mittelplatz Reihe 3 der hiesigen Kammerspiele glaubte ich noch als einmalig einordnen zu dürfen, was der Verlauf des Samstags zu bestätigen schien. Ein sonntäglicher Nervenzusammenbruch mit allem Schingarassabum aber hat mir ein Tor aufgesprengt, das zu durchschreiten ich wirklich keinerlei Interesse hatte. Die zunächst dahinter liegende Zeit war beängstigend, erschütternd und zutiefst verunsichernd. Ohne Pause habe ich geprüft, ob die jüngsten Ereignisse meines Lebens eine solche Reaktion rechtfertigen würden, oder ich schlicht ein Opfer früh einsetzender Wechseljahrsbeschwerden wäre. Welche Rettung aus der Hölle meines innerköpfigen Rasens es geben könnte. Wäre ich verrückt, müsste in eine Klinik und mit Medikamenten ruhig gestellt werden? Und obwohl beruflich doch ganz nah dran, hat es eine befreundete Kollegin gebraucht, die mir die drei wichtigsten Sätze in meinem Leben gesagt hat: Das ist eine Depression. Da kann man was machen. Das wird wieder gut. Noch heute muss ich weinen, wenn ich daran denke. Nicht ahnend, was das krank sein und wieder gesund werden noch bedeuten würde, konnte ich endlich losgehen.

 

24.05.17

Schon vor einer Weile ging es in einem Gespräch mit Olivia darum, woran wir glauben. Oder andersherum, ich hatte sowas gesagt wie „Ich glaube, die Geschäfte machen gleich zu.“, woraufhin Olivia sagte „Ich glaube an Geister!“. Ob sie denn wisse, dass es keine Geister gäbe? Ja, das wisse sie durchaus in ihrem Kopf. Dennoch würde sie an Geister, und zwar an böse, glauben. Sie hätte zwar noch nie einen gesehen, dennoch würde sie die fühlen: „Ich fühle die durch meine Angst!“. Ich glaube, Olivia hat die Sache mal wieder auf den Punkt gebracht. Angst ist, außer in der direkten Begegnung mit akuter Gefahr, ein schlechter Ratgeber. Sie lähmt und verwirrt uns und verleitet uns zu Halluzinationen und Illusionen. Wie in der Sache mit dem Terror, der jüngst in Manchester daran erinnert hat, dass Glaube nicht immer mit Liebe einhergeht.  Ein wortlos machendes Verbrechen, dessen psychische Grundstörung sich leicht im ICD10 finden und diagnostizieren ließe, das aber starke Kräfte braucht, um sich dagegen zu stellen. Was kann also helfen, wenn die Inhalte der aktuellen Nachrichten uns zu paralysieren drohen? Zusammenfassend gesagt: Sich der Angst stellen.  Kein Leugnen, kein Kompensieren, kein Verdrängen. Und keine Benzodiazepine! Anderen von seiner Angst erzählen. Lachen und Zusammenhalten. Und übrigens, wenn Olivia in der Nacht das Licht anmacht, sind die Geister sofort weg.

 

26.05.17

Ich sitze auf einem für Hamburger Verhältnisse ziemlich uncoolen Fahrrad und gleite über den Campus der Universität von Groningen. Um mich herum neueste Gebäude, die nach Zukunft aussehen. Ich blicke durch Fenster, hinter denen helle Räume mit ergonomisch optimal geformten Sitzmöbeln liegen. An den Außenwänden der Gebäude hängen großformatige Transparente, auf denen Sätze wie …. zu lesen sind und die mich glauben machen, ich hätte einen Einfluss darauf, dass doch noch alles gut wird in dieser Welt. Wenn ich mich nur stark mache dafür. Aber ich bin weder 22 Jahre alt, noch eingeschriebene Studentin. Ich besuche lediglich eine, nämlich die Tochter einer Freundin. Immerhin studiert sie heute das Gleiche, wie ich damals. Allein die Umstände sind gänzlich andere. Während man uns seinerzeit zur Begrüßung hat wissen lassen, das Beste sei, wir würden gar nicht kommen, weil es im Seminar nicht genügend Stühle und auf dem späteren Arbeitsmarkt nicht genügend Plätze für uns gäbe, fühlen die Studenten hier sich willkommen, gewünscht und benötigt. Ich möchte da und heute auch noch mal studieren. Ich möchte über Freiheit diskutieren und was sie z.B. in Entenhausen oder der Türkei bedeutet. Das ganze in fließendem Englisch, weil ich mich für das Weltbürgertum entschieden habe.