15.05.17
Ein Mann, Typ Feinripp, reist sein Fenster auf, lehnt sich heraus und keift, ich solle gefälligst meinen scheiß Köter anleinen. Eine Frau, Marke Kaschmir, deren vorrangigen Anspruch auf einen noch freien Parkplatz ich ohne Zögern akzeptiere und daraufhin die Stellung meiner Autoreifen umgehend korrigiere, schreit mich an, ich sei das mit Abstand Asozialste, was sie je getroffen hätte. Ein Sitznachbar im Kino, Gruppe Hornbrille, zischt mich und meine gedämpft schnatternde Freundin an, wir sollen endlich still sein, obwohl wir uns noch im Zustand der Beworbenen befinden. Was Ist denn nur los mit einigen Menschen, dass sie jedwede Kinderstube vergessen, auf gegenseitigen Respekt pfeifen und ungehemmt lospöbeln? Leben die in einem anderen Land als ich? Herrscht bei denen eine Hungersnot? Ein alles Schöne in Schutt und Asche legender Krieg? Ein die Freiheit verlachender Diktator? Was frustriert diese Menschen in unserem herrlichen Land so sehr, dass sie sich beim geringsten Anlass vergessen und um sich schlagen, bis einer heult? Könnten wir nicht wenigstens ein kurzes Vorgespräch führen? Und wie kann ich gelassen blieben, statt mir den hingestellten Schuh in falscher Größe anzuziehen? In der akuten Situation will mir das oft nicht so recht gelingen. Stattdessen folge ich meiner eigenen Regel, die besagt, dass wenn es etwas Nettes zu sagen gibt – immer raus damit. Und so lobe ich die warmherzige Käsefachverkäuferin, mache dem Kellner ein Kompliment für sein besonders liebevolles Kellnern und sage jedem Stinkstiefel, den ich treffe, er sei das Beste, was mir je passiert ist.

14.05.17
Der Flieder blüht und daher ist heute zwangsläufig Muttertag. So war das jedenfalls früher, als alles noch wesentlich besser war. Für mich, als ungewollt Kinderlose, ist das einer der härteren Tage im Jahr. Meinen Schmerz über eben erwähnte Tatsache, gedenkt die Werbung nicht im Mindesten zu respektieren. Im Gegenteil, sie forciert ihn wenig empathisch. Fragt sie unsensibel um die Weihnachtszeit herum „Was wäre das Leben ohne Kinder?“, lacht mir momentan ein ausgrenzendes „Mama ist die Beste“ aus den Blumenläden entgegen. Ich persönlich habe mich mit Demut den Ungerechtigkeiten des Lebens gebeugt, und mich statt für die Mutterschaft für die Rolle der Elefantentante entschieden. In meinem Leben spielt ein stetig wachsendes Rudel handverlesener Rotzgören, deren mit mir befreundete Eltern für jede Unterstützung dankbar sind, eine bedeutende Rolle. Meine Jüngste ist momentan 8, mein Ältester 27 Jahre alt. Natürlich ist die Elefantentantenrolle inhaltlich und emotional eine andere, als die der Mutter. Und dennoch fordere ich, dass die Industrie, denn wer sonst könnte hierfür zuständig sein, mich und all die anderen endlich anerkennt, eigene Feiertage für uns kreiert und dafür sorgt, dass man uns mit entsprechender Aufmerksamkeit und angemessenen Zuwendungen bedenkt! Wir sind schließlich auch eine Zielgruppe! So!

13.05.17
Nichts ist so veränderungsresistent, wie die Gefühle. Unser Verstand ist rasend schnell und eilt ihnen in Siebenmeilenstiefeln Kilometer weit vorweg. Sie würden gern hinterher kommen, womöglich aufschließen und vielleicht sogar mal überholen. Aber es nützt alles nichts. Längst haben wir das Problem verstanden, und trotzdem fühlt es sich höchst unschön an. Die schleimigen Tentakeln unserer veralteten Muster haben die armen Gefühle fest im Griff und beschwatzen sie mit flötender Stimme. Sie verstünden nicht, was all die Veränderung soll! Es sei doch schließlich immer so schön gemütlich gewesen mit den beiden. Angeblich wären sie doch prima miteinander klar gekommen, all die Jahre. Und überhaupt, die Gefühle seien ziemlich undankbar. Mit schlechtem Gewissen setzen die Gefühle sich wieder hin und geben auf. Der dazugehörige Mensch steckt sich wider besseres Wissen doch eine Zigarette an, kontaktiert den ehemals Erziehungsberechtigten, der ihm schon lange nicht mehr gut tut oder kauft sich das 107. Paar Schuhe. Dann geben sie Ruhe, die uralten Muster. Legen sich schmatzend in ihre Ecke und saufen unseren Schampus. Immerhin haben wir sie schon mal ans Licht gezerrt und kennen ihre miese, verschlagene, hinterfotzige Taktik.

12.05.17
Heute steige ich in ein Flugzeug. Diese Art des Reisens war mir noch vor einer Weile unmöglich, und ich war dadurch in meiner persönlichen und beruflichen Flexibilität und somit Lebensqualität stark eingeschränkt. Der Mensch kann nun mal nicht fliegen, und sich in eine Situation zu begeben, die dazu führt, sich relativ schnell in, um und bei, 10.000m Distanz zum Erdboden zu befinden, fällt nicht direkt unter artgerechte Haltung. Die käfigartige Verwahrung mit eventuell bedrängenden Sitznachbarn macht das Ganze überhaupt nicht besser. Schon die Vorstellung, ab dem „Bording completed“ für einen längeren Zeitraum nicht aufstehen und einfach gehen zu können, hat mich erstarren lassen. Heute steige ich in ein Flugzeug. Zwischen „vor einer Weile“ und „heute“ ist viel passiert. Fliegen ist heute ok. Der Basistarif, der mich ohne Snack und Getränk, dafür aber mit 8Kg Handgepäck innereuropäisch von A nach B kommen lässt, hat seinen Schrecken verloren. Erst vor kurzem habe ich den Fensterplatz geübt. Kein Thema. Der Sitz E27 in der ausgebuchten Maschine MUC-HAM neulich aber hat mich zum bewussten Atmen gezwungen. Die Henne vor mir wollte es wissen und hat doch tatsächlich ihren Sitz zurückgeklappt. Aber auch das habe ich gelassen weggeatmet. Ein unerwachsenes Boxen in Ihre Lehne hat mir im Übrigen zusätzliche Erleichterung verschafft.

11.05.17
Mein Eiswürfelbereiter steht seit 5 Tagen aus der Spülmaschine kommend auf der Arbeitsfläche meiner Küche herum. Er fühlt sich unnütz und sehnt sich danach, gebraucht zu werden. Er bohrt in der Nase und möchte endlich seiner Bestimmung folgend im Eisfach sein Arbeitsleben verbringen. Dafür müsste ich ihn allerdings mit einer Flüssigkeit füllen und dort deponieren. Bisher scheitert die Erfüllung all seiner Träume an meiner Trägheit. Ich schiebe das Befüllen des gelangweilten Küchengeräts vor mir her. Es ist von seiner Konsistenz her eher wackelig und in seiner Funktionalität der formschönen Optik untergeordnet. Ich weiß ganz genau, es wäre eine Sache von 1 Minute, den für beide unerfreulichen Zustand zu beenden. Und dennoch, ich tue es nicht. Genau, wie endlich die familiären Urkunden einzuscannen, meine Ordner einheitlich zu labeln und unnütze Dateien auf meinem Rechner zu löschen. Das Wissen um all das Unerledigte quält mich. Aber ich vertröste mich und die Wartenden. Bis es nicht mehr weitergeht mit unserer unerfreulichen Koexistenz. Ich nehme das durch Korrosion schon fast brüchig gewordene Gefäß, befülle es tatsächlich mit Wasser, öffne das 3 Sterne Fach und vollende unser beider Glück. Herrschaftszeiten! Fühlt sich das gut an! Warum denn nicht gleich so?

10.05.17
Wenn man mal nicht weiß, was man malen soll, hilft es, mit geschlossenen Augen willkürlich Bleistiftpunkte auf ein weißes Blatt zu stechen. Anschließend verbindet man die Punkte miteinander und fabuliert, bevor man sein Werk ausmalt, was das sein könnte. Während eines gemeinsamen Schöpfungsaktes dieser Art mit meiner Freundin, sprachen wir u.a. über Macken, die wohl jeder hat. Meine Freundin wollte wissen, welche Macken ich hätte. Dazu fiel mir ein, dass der eine und die andere mein impertinentes Nachfragen mit Sicherheit als Macke definieren würde. Diese meine Eigenschaft wiederum lobte meine im Malvorgang befindliche Freundin in den höchsten Tönen. Sie sei schließlich der Grund dafür, dass sie selbst immer wieder ins Nachdenken käme und wir auf diese Weise so interessante Gespräche führten. Geringfügig aus dem Zusammenhang gerissen, ließ sie eine ihrer überraschenden Überlegungen laut werden und sagte „Manchmal denke ich darüber nach, wo ich wäre, wenn es mich nicht gäbe.“. Interessant! Ist das nicht im Grunde die Frage, was mit uns passiert, wenn wir tot sind, nur umgekehrt? Wo sind wir, wenn wir noch nicht geboren sind? Darüber muss ich nachdenken. Hatte ich schon erwähnt, dass meine Freundin 8 Jahre alt ist?

09.05.17
Am Samstag brauchte eine Freundin ein neues Outfit. Sie, eine weitere Freundin und ich sind in die Boutique unserer ersten Wahl gegangen. Kurze Zeit später gesellte eine Professionelle sich an unsere beratungsbedürftige Seite. Wir waren also vier. D.h. eigentlich eine plus eine plus zwei. Denn die eine stand bis auf ihre Dessous, die beneidenswerter Weise in der Art waren, an die meine Mutter bei ihren steten Ermahnungen, ich möge bei der Wahl meiner Unterwäsche einen möglichen Verkehrsunfall mit anschließendem Aufenthalt im KKH in meine Überlegungen miteinbeziehen, gedacht haben muss, in der Umkleidekabine, während die Professionelle und die in Freundschaft Verbundene recht flott in einen veritablen Konkurrenzkampf gerieten, den ich durch das Anreichen indiskutabler Kunstfelljacken zu entspannen versuchte. Immer wieder brachte die Professionelle, der in Schweiß geratenen Einen, Kleidungsstücke in Größe 38. Und obwohl die Eine seit kurzem frisch verliebt und daher bereits um 4 Kilo leichter ist, reichte es dennoch nicht für eine 38. Sie war und ist eine 40. Das brachte die Verbundene gegen die Professionelle auf, es wurde eisig. Am Ende landete ein Blazer in 38 in der gelackten Einkaufstüte. Beim Schließen einen Tick zu klein, aber gut in den Schultern. Wahrscheinlich wird er ein zurückgezogenes Dasein seinem Hamburger Kleiderschrank führen. Der steht allerdings mit Sicherheit nicht in Eppendorf, wo offensichtlich hauptsächlich 36er und vereinzelt ein paar 38er leben.

08.05.17
Das Leben im Hier und Jetzt ist gerade schwer in Mode. Viele Menschen bemühen sich darum. Sie fokussieren sich auf ihren Atem, die Wahrnehmung ihrer körperlichen Empfindungen, der Geräusche, ihrer Gefühle und Gedanken. Ich selbst übe mich seit immerhin strammen 9 Jahren darin, das Vergangene und Zukünftige da zu lassen, wo die beiden hingehören und mich auf das Einzige, das wir tatsächlich haben, zu stürzen: das Jetzt. Meinen Meister habe ich schon lange gefunden. Als ich neulich meine Hündin mit den glatt gelogenen Worten „Ich bin gleich wieder da“ im Auto zurück ließ, um nach geschlagenen drei Stunden, in denen ich selbstsüchtig meinem Vergnügen nachgegangen bin, zurückzukehren, hat sie mich mit größter Wiedersehensfreude und ohne jeden Vorwurf willkommen geheißen. Auf meinen Einwurf, dass es mir wahnsinnig Leid täte und sie zu recht mehr als verärgert sein könne, antwortete sie mir „Aber wieso, jetzt bist du doch da. Was kümmert mich das Eben?“. Ich glaube sie ist erleuchtet. Wer behauptet, Hunde hätten keine Seele, sollte ganz dringend mit dem Atmen beginnen.

07.05.17
Warum, um Himmels Willen, finden es eigentlich alle so toll, wenn es jetzt aber endlich wieder bergauf geht? Sie sagen diesen Satz, und in ihren Gesichtern schimmern Zuversicht und Optimismus. Sind all diese Menschen denn noch nie gewandert? Wissen die nicht, wie anstrengend es ist, über Stunden oder sogar Tage bergauf, bergan, berghoch zu gehen? Haben die noch nie erlebt, wie die Kräfte schwinden? Der Körper schmerzt? Der Schweinehund kläfft? Der Wille schmilzt? Was ist denn nur so unsexy am Tal? Warum nur wollen alle den Gipfel stürmen? Ok, der Abstieg ist nicht gut für die Gelenke und niemand trainiert dabei seine Ausdauer. Während der Aufstieg uns nicht nur fordert, sondern auch stärkt. Und vielleicht sei es ja gestattet, an besonders kniffligen Stellen, den Dienst einer Seilbahn in Anspruch zu nehmen. Oder den eines versierten Bergführers. Wenn ich am Ziel mit einem atemberaubenden Ausblick und einer stärkenden Mahlzeit belohnt werde, soll es mir recht sein. Ohne den Abstieg zu verteufeln. Ich kann ja nicht ewig oben bleiben. Und wenn ich vorab alles richtig gemacht habe, wartet unten ein stützendes Bett im Lendenwirbelbereich in einem Hotel mit Roomservice auf mich. Und eine Massage? Bitte!

06.05.2017
Ein sehr spezieller Mensch in meinem Leben hat mir heute kräftig in den Hintern getreten. Wütend über mein Zaudern und meine mangelnde Tatkraft, die seiner Meinung nach in ihrem Größenverhältnis diametral entgegengesetzt zu meinen gottgegebenen Möglichkeiten lägen, hat er mich gedrängt, gekränkt, gefordert, provoziert. Mein empfindsames Wesen hat gejammert und gefleht, er möge weniger fest treten, die Frequenz seiner Tritte senken oder bitte einfach aufhören und, mich wiegend und schaukelnd, meine Tränen trocknen . Er solle berücksichtigen, dass ich bin, wie ich bin. Er meinte, Papperlapapp und Schnickschnack, ich solle jetzt endlich springen, auch vom 10 Meter Brett, auch wenn unten vielleicht ein wasserleeres Becken auf mich wartet. Dann ist er gegangen. Ich hasse seine Art der Motivation. Und jetzt springe ich, du Arsch. Und versuche gleich mal 1½ Delphinsalti gehockt!