Heute habe ich mal wieder etwas von meiner überaus klugen Hündin gelernt. Sie selbst empfindet die sogleich beschriebene Szene sicherlich als sehr viel weniger sensationell, bahnbrechend und einzigartig, als ich das tue. Für mich und meine vollkommen hysterischen Projektionen einer abgöttisch liebenden Hundenärrin aber sind dieses Tier und sein Verhalten eine einzige Parabel.

Als ich und meine wunderschöne Hündin also heute im Stadtpark unterwegs waren, haben wir einen Walnussbaum gefunden. Unter dem Baum lagen ziemlich viele Nüsse rum. Selbstverständlich weiß ich, wie gern meine Gourmethündin Nüsse mag. Und ich weiß auch, wie super sie die normalerweise knacken kann. Schließlich ist ihr Kiefer mit einer erstaunlichen Hebelkraft versehen. Walnüsse, Erdnüsse, Pistazien… alles kein Problem. Kokosnüsse…. belassen wir es dabei.

Und weil ich meine zauberhafte Hündin liebe und weil ich weiß, wie sehr sie Nüsse mag und wie toll sie es findet, sie selbst zu knacken, habe ich umgehend ein paar eingesammelt und für sie geworfen. Das sportliche Tier war begeistert! Brav ist sie sitzen geblieben bis ich „Such“ befohlen habe, um dann blitzschnell loszuschießen und die Nuss aufzuspüren. Dank ihrer evotutionär perfektionierten Supernase, versehen mit 300 Mios Riechzellen pro Quadratzentimeter, wurde sie ganz flott fündig. Vorsichtig  nimmt sie die Nuss ins gepflegte Maul, schiebt sie hin und her, sucht nach dem günstigsten Hebel, meint ihn gefunden zu haben, konzentriert sich, beißt zu und? Nichts. Sie versucht es erneut, schiebt, sucht, beißt. Und wieder: Nichts! Und jetzt kommt das, was mich so aus dem Häuschen hat sein lassen, und was für diese weise Hündin vollkommen normal ist. Sie hat die Nuss ausgespuckt und ist schwanzwedelnd zu mir gerannt, damit ich die nächste werfe.

Das folgende Geschehen mag dem nicht Betroffenen peinlich erscheinen: „So ein kluges Mädchen! So ein feines Hundi! Du bist ja sooooo schlau! Ja komm doch mal her zu mir, mein weises, tolles Hundilein!!!“. In einer zugegeben kreischigen Lautstärke. Und ja, die Dogge von gegenüber hat total angewidert geguckt! Ich entschuldige und frage mich, wie soll meine an sich kontaktfreudige Hündin  Freunde in der für uns noch neuen Wohngegend finden?

Offen für alles habe ich von vorne angefangen, das gleiche Spiel. Sitz!, Bleib!, Werfen, Suchen, Finden, Aufnehmen, Schieben, Konzentration, Hebel, Biss, Misserfolg, Ausspucken, Weitermachen. Ich war zutiefst berührt und obwohl meine empathische Hündin besser riechen als gucken kann, hat sie meine von Rührung feucht schimmernden Augen durchaus wahrgenommen.

Im Auto habe ich mich dann mit meiner stets wissbegierigen Hündin darüber unterhalten, was eigentlich los war. Mamis kluges Mädchen hat es einfach genau richtig gemacht. Die bekannte Analogie, da noch eine Nuss zu knacken zu haben, meint, dass es ein Problem gibt, das nicht leicht zu lösen ist. Und wenn wir Menschen so eine Nuss vom Leben zugespielt bekommen, dann versuchen wir alles, um sie zu knacken. Wir stecken all unsere Energie da rein. Wir geben nicht auf, strengen uns an, bezahlen viel Geld für Nussknacker, investieren ganz viel Mühe und Zeit. Manchmal klappt es dennoch nicht. Die Nuss bleibt einfach zu. Oder sie geht doch auf und wir sehen, dass der Kern komplett verschimmelt ist. So oder so, alles war vergebens.

Meine achtsame Hündin dagegen hat es zweimal versucht und dann einfach akzeptiert, dass SIE DIESE NUSS jetzt IM MOMENT nicht knacken kann. Sie hat sie ausgespuckt und ist zu ihrer nächsten Chance gelaufen. Und als es da auch wieder nicht geklappt hat, weiter zur nächsten. Und dann hat sie darauf vertraut, dass die Hand, die sie u.a. füttert, schon dafür sorgt, dass sie irgendwann mal eine Nuss bekommt, die sie ganz leicht knacken kann. Das alles hat sie nicht im Geringsten frustriert, im Gegenteil. Das Suchen und Finden, das Spielen mit der um Rudelführung bemühten Lebensgefährtin hat ihre Endorphine sprudeln lassen.

Ganz schön klug.

Eine von diesen harten Nüssen habe ich dem Stadtpark entwendet und mitgenommen. Damit ich mich immer daran erinnere, dass man manchmal eben keine Lösung finden kann. Und dass man dann besser weitergeht und sich etwas sucht, das sich zu knacken lohnt.

Denn: Beim Metzger gibt es kein Obst. Aber das ist schon wieder eine etwas andere Sache, von der ich später berichte.